Direkt zum Seiteninhalt springen
zu infravelo home
viele Fahrradfahrer auf einer Kreuzung
Perspektiven

Mobilität von morgen gestalten: Wie Prof. Christian Rudolph an der TH Wildau den Nachwuchs auf die Praxis vorbereitet

Interview mit Prof. Christian Rudolph | 23.07.2026

Kontakt

Porträtfoto von Christian Rudolph

Prof. Christian Rudolph

Christian Rudolph leitet die Stiftungsprofessur Radverkehr an der Technischen Hochschule (TH) Wildau. Der Verkehrswissenschaftler forscht zu Lastenrädern, Verkehrssicherheit und innovativen Mobilitätslösungen und engagiert sich seit vielen Jahren in Forschung und Fachgremien zum Radverkehr.

Herr Prof. Rudolph, Sie lehren an der TH Wildau zu Radverkehrsthemen. Was hat Sie persönlich dazu gebracht, sich wissenschaftlich mit dem Thema Fahrrad und Mobilität zu beschäftigen?

Mobilität ist für mich mehr als nur „von A nach B kommen" – sie bestimmt Lebensqualität, Teilhabe und die Gestaltung unserer Städte. Das Fahrrad ist dabei ein unglaublich demokratisches Verkehrsmittel: kostengünstig, flexibel und klimafreundlich. Als das Bundesverkehrsministerium 2019 die Stiftungsprofessuren für Radverkehr ausschrieb, war das für mich die Chance, Radverkehr endlich auf Augenhöhe mit anderen Verkehrsträgern zu erforschen und zu lehren. An der TH Wildau kann ich Forschung und Lehre verbinden und junge Menschen dabei unterstützen, die Mobilitätswende aktiv mitzugestalten.

Wie ist derzeit der Bedarf an Fachkräften für nachhaltige Mobilität?

Die Herausforderungen sind enorm: Klimaschutz, Verkehrssicherheit, lebenswerte Städte und eine funktionierende Infrastruktur gehören zu den zentralen Aufgaben unserer Zeit. Gleichzeitig fehlen vielerorts Fachkräfte, die Mobilität ganzheitlich denken und Projekte erfolgreich umsetzen können. Genau darauf bereiten wir unsere Studierenden vor. Viele unserer Absolventinnen und Absolventen übernehmen bereits kurz nach dem Studium verantwortungsvolle Aufgaben in kommunalen Verwaltungen, Planungsbüros, Verkehrsunternehmen und vielen weiteren Bereichen.

Welche Studiengänge mit Bezug zu Mobilität und Radverkehr kann man an der TH Wildau studieren?

An der TH Wildau haben wir in den vergangenen Jahren ein einzigartiges Studienangebot aufgebaut. Der Masterstudiengang „Radverkehr in intermodalen Verkehrsnetzen“ war deutschlandweit der erste eigenständige Studiengang mit diesem Schwerpunkt. Ab dem Wintersemester 2026 starten die Bachelorstudiengänge Mobilität – Umwelt – Logistik (MUL) und Mobilität und Verwaltung (MoVe). Während MUL nachhaltige Mobilität ganzheitlich betrachtet, bereitet MoVe gemeinsam mit Partner*innen aus der Praxis auf Planungs- und Verwaltungsaufgaben vor. Darüber hinaus startet 2027 der konsekutive Masterstudiengang Mobilität – Umwelt – Logistik, der die Themen auf wissenschaftlichem Niveau vertieft.

Was verbindet all diese Studiengänge miteinander?

Wir bilden keine reinen Theoretikerinnen und Theoretiker aus, sondern Menschen, die anpacken und verändern wollen. Unsere Studiengänge verbinden technische, rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven auf Mobilität. Studierende lernen nicht nur Planung und Technik, sondern auch, wie Beteiligungsprozesse funktionieren und wie Projekte erfolgreich umgesetzt werden. Diese Interdisziplinarität macht das Studium besonders praxisnah.

Studienfahrt nach Karlsruhe: geführte Kiez-Radtour mit dem Radverkehrsbeauftragten der Stadt | Foto: Christian Rudolph

Die Praxis spielt also eine große Rolle?

Praxisprojekte sind das Herzstück unserer Lehre. Durch unsere zahlreichen Kooperationen mit Kommunen, Unternehmen, Verbänden und Behörden kommen Studierende schon während des Studiums intensiv mit der Praxis in Kontakt. Rund die Hälfte des Studiums besteht aus konkreten Projekten mit echten Auftraggeber*innen. Das öffnet Türen für den Berufseinstieg und macht das Studium lebendig. Ein Beispiel: Studierende haben für die Stadt Lübben ein Konzept für sicherere Schulwege entwickelt – inklusive Kommunikationsstrategie, damit Eltern und Kinder tatsächlich aufs Rad umsteigen. Das ist kein Planspiel, sondern echte Arbeit, deren Ergebnisse die Kommune nutzt.
Einmal im Jahr fahren wir nach Amsterdam und Utrecht – um von den Besten zu lernen. Die Niederlande sind uns beim Radverkehr immer noch ein paar Jahrzehnte voraus und diese Exkursionen sind absolute Highlights.

Sie arbeiten auch mit infraVelo zusammen. Wie sieht dies konkret aus?

Mit infraVelo verbindet uns eine langjährige und sehr erfolgreiche Zusammenarbeit. Unsere Studierenden haben unter anderem die gesicherten ParkYourBike-Anlagen evaluiert. Besonders wertvoll ist dabei der direkte Austausch. Die Studierenden erhalten Feedback aus erster Hand und lernen, wie ihre Ideen unter realen Bedingungen bewertet werden.

Gibt es ein Projekt, auf das Sie besonders stolz sind?

Ein spannendes Beispiel ist das Forschungsprojekt NUDAFA. Dort entstand die Idee, historisches Kopfsteinpflaster durch ein spezielles Schleifverfahren fahrradfreundlicher zu machen. Das Pilotprojekt in Eichwalde (Brandenburg) schaffte es sogar unter die Top 5 des Deutschen Fahrradpreises 2026 in der Kategorie Infrastruktur. Und es diente anschließend als Blaupause für andere Kommunen, z. B. für die Hufelandstraße in Berlin-Pankow. Das zeigt, wie aus Forschung konkrete Verbesserungen für den Radverkehr entstehen können.

Schleifmaschine auf Kopfsteinpflaster-Straße

Schleifarbeiten am Kopfsteinpflaster auf der Hufelandstraße | Foto: infraVelo/Daniel Rudolph

Wie würden Sie die Kultur und Zusammenarbeit an der TH Wildau beschreiben?

Familiär, direkt und auf Augenhöhe. Die TH Wildau ist keine anonyme Massen-Universität. Studierende und Lehrende arbeiten eng zusammen und entwickeln häufig gemeinsam Projekte und Forschungsfragen. Besonders wichtig sind uns kurze Wege und offene Türen. Wer eine Idee hat, bekommt die Möglichkeit, daraus gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern aus der Praxis ein konkretes Projekt zu machen.

Was würden Sie jungen Menschen sagen, die überlegen, in diesem Bereich zu studieren?

Wenn ihr etwas studieren wollt, mit dem ihr gesellschaftlich etwas bewegen könnt, dann seid ihr hier richtig. Themen wie Klimaschutz, Verkehrssicherheit und lebenswerte Städte werden uns noch viele Jahre begleiten. An der TH Wildau arbeitet ihr von Beginn an mit Partner*innen an realen Projekten. Ihr lernt Planungswerkzeuge, die ihr sofort anwenden könnt. Ihr knüpft Kontakte, die euch ins Berufsleben tragen. Und ihr werdet Teil einer Community, die die Verkehrswende vorantreibt. Mich motiviert dabei vor allem eines: Jede Abschlussarbeit, jedes Projekt und jede Absolventin oder jeder Absolvent kann dazu beitragen, Mobilität ein Stück besser zu machen.

Welche Fähigkeiten sollten Bewerber*innen konkret mitbringen, um das Studium zu meistern?

Unsere Studiengänge richten sich an Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen – von Verkehrsplanung, Bauingenieurwesen und Stadtentwicklung bis hin zu Sozial-, Kommunikations- oder Umweltwissenschaften. Entscheidend ist weniger der bisherige Lebenslauf als vielmehr die Motivation, Mobilität nachhaltiger, sicherer und gerechter zu gestalten. Bewerber*innen sollten vor allem Interesse haben an interdisziplinären Fragestellungen, Praxisorientierung, Eigeninitiative und Offenheit für neue Methoden: Mobilität betrifft Technik, Recht, Kommunikation und Gesellschaft gleichermaßen. Wer neugierig ist, Verantwortung übernehmen möchte und gerne mit anderen Disziplinen zusammenarbeitet, bringt beste Voraussetzungen mit. Und keine Sorge: Man muss weder Radsportprofi noch Lokführer sein. Entscheidend ist der Wunsch, Mobilität für alle Menschen zu verbessern.

Porträtfoto Christian Rudolph: © Andreas Lörcher

Neue Studiengänge an der TH Wildau

Weiterführende Informationen

Kontakt

Lea

Das Interview führte Lea. Seit 2020 kümmert sie sich bei infraVelo um alles Digitale. Aufgewachsen im Wedding und heute in Tegel zu Hause, weiß sie, wie unterschiedlich sich Stadt anfühlen kann. Nach dem Interview überlegt Lea kurz, ob für ein Zweitstudium vielleicht doch noch Zeit wäre.

Blog Banner Teaser

Es tut sich was auf dem Weg zur Fahrradstadt.

Wir informieren dich in unserem Newsletter über aktuelle Infrastrukturmaßnahmen, Fortschritte und Fahrradthemen aus und für Berlin.

Jetzt zum Newsletter anmelden