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Bike on Tour

Themenroute „Warmes Licht und kühles Bier“: Berliner Industrie­geschichte per Rad entdecken

Gastbeitrag von Antje Boshold | 24.03.2026

Ein idealer Frühlingsausflug durch Berlin: Die Fahrradroute „Warmes Licht und kühles Bier“ führt durch viel städtisches Grün auf Rad- und Uferwegen zu imposanten Gebäuden der Industriegeschichte – überraschend, faszinierend und bestens ausgeschildert.

Wer wacht mit dem Wunsch auf, Berliner Industriekultur mit dem Fahrrad zu entdecken?

Ich gebe es zu: Ich kenne nicht viele Menschen, die morgens denken – „Heute möchte ich die Berliner Industriekultur per Rad entdecken!“ Und genau das war die Herausforderung, die mich und mein Team beschäftigt hat. Denn die Geschichte hinter den mächtigen Backsteingebäuden, den alten Fabrikhallen und den eindrucksvollen industriellen Anlagen ist so spannend, dass sie eigentlich jede und jeden begeistern müsste.

Die Industrie hat Berlin zur Metropole gemacht

Erstaunlicherweise ist es gar nicht so bekannt, dass Berlin um 1900 die modernste Metropole auf dem europäischen Kontinent war: Hier fuhr die erste Straßenbahn der Welt und die erste U-Bahn Deutschlands. Elektrisches Licht brachte die Stadt zum Leuchten. Das sind nur ein paar Beispiele dafür, wie die industrielle Entwicklung die Stadt fundamental verändert hat und noch bis heute prägt. Denn die Gebäude der Industriekultur sind attraktive Locations und bieten Raum für Theater, Clubs, Kulturzentren, Wohnungen und moderne Arbeitsplätze. Das ist es, was wir vom Berliner Zentrum Industriekultur (bzi) bekannt machen wollen.

Kulturbrauerei (Radroute 1) | Foto: bzi/Anja Liebau

Berlin als Freilichtmuseum der Industriekultur

Die imposanten Gebäude der Industriekultur sind bis heute überall in der Stadt sichtbar – ihre faszinierende Geschichte dagegen nicht. Wer hat die Gebäude errichtet? Welche Unternehmen und Menschen haben in ihnen gearbeitet? Welche Erfindungen wurden hier gemacht, und wie haben sie den Alltag der Berliner Bevölkerung verändert? All das erfährt man auf den acht mit viel Liebe zum Detail konzipierten Fahrradrouten der Berliner Industriekultur.

Acht Fahrradrouten der Berliner Industriekultur 

Von der Innenstadt bis zum Stadtrand: Die acht Fahrradrouten sind Streifzüge durch die Industriegeschichte der Stadt Berlin. Dabei stellt jede Route ein anderes Thema vor. Die Themen reichen von „Innovation und Eleganz“ über „Natur und Infrastruktur“ bis hin zu „Eisenbahn und Landebahn“. Zusammen geben die Routen einen umfassenden Überblick über die Berliner Industriekultur.
Die Radrouten machen teils weit verstreut liegende Orte als Ensemble erlebbar. So werden geschichtliche Zusammenhänge leichter verständlich. Ein weiterer Pluspunkt: Die Routen führen jenseits ausgetretener Pfade zu ungewöhnlichen Orten. Dabei gibt es viel Imposantes und Verstecktes zu entdecken.
Kurz gesagt: Die Routen sind erlebnisreiche Tagesausflüge, bei denen man hautnah mit oft unbekannter Berliner Geschichte in Berührung kommt. Wer eine Pause braucht, findet unterwegs Gaststätten und Cafés im Ambiente der Industriekultur: Hohe Räume, Stahl, Glas und viel Backstein. An den Fassaden dieser „Kathedralen der Industriearchitektur“ lassen sich oft schöne und interessante Details entdecken.
Die Informationen zu den Radrouten sind als gedruckte Flyer, PDF-Download, GPX-Tracks und über den Routennavigator Komoot zugänglich – und das auf Deutsch und Englisch. Auf der Website des Berliner Zentrum Industriekultur ist alles schön übersichtlich sortiert.

Karte von Berlin mit acht eingezeichneten Radrouten

Die Radrouten vom Berliner Zentrum Industriekultur in der Übersicht | bzi

Die Story der Route „Warmes Licht und kühles Bier“

Was hat die Elektroindustrie mit Brauereien zu tun? Ganz einfach: Harte Arbeit macht durstig! Aber der Reihe nach. Wie alle neuen Entwicklungen fängt auch die Industrialisierung klein an: 1847 gründet Werner von Siemens in einer unscheinbaren Hinterhofwerkstatt nahe am Anhalter Bahnhof seine erste Firma. Er ist ein Genie. Seine elektrotechnischen Erfindungen beflügeln schon bald die aufstrebende Elektroindustrie. Berlin entwickelt sich zur hochmodernen „Elektropolis“.
Der größte Konkurrent von Siemens ist die AEG, die ab 1894 am Humboldthain eine imposante Fabrikstadt errichtet. Hier ist gut sichtbar, wie die Bauten der Elektroindustrie das Gesicht der Stadt verändern: anfangs im repräsentativen Stil der Kaiserzeit, später in der klaren Formensprache der Neuen Sachlichkeit.

Arbeitskräfte aus Pommern und Schlesien strömen in die pulsierende Metropole. Mit der wachsenden Bevölkerung wächst auch der Durst. Nach getaner Arbeit suchen die Menschen Entspannung und Vergnügen in einem der vielen Biergärten auf dem Prenzlauer Berg. Hier siedeln sich viele Brauereien an, weil die Hanglage den Bau kühler Kellergewölbe ermöglicht. Hier kann das Bier innovativer Braumeister, die neue industrielle Methoden für die Bierproduktion nutzen, gut gelagert werden. Allein auf dem Prenzlauer Berg entstehen mehr als ein Dutzend Brauereien – und machen Berlin zu einer der führenden Brauereimetropolen weltweit.

Service-Infos

Wie eine Route entsteht: Von der Idee zum Erlebnisangebot

Unser Kernteam besteht aus den Historikern Joseph Hoppe, der die Idee für die Radrouten entwickelt hat, Nico Kupfer, zuständig für digitale Kartographie, dem Radwege-Experten Axel von Blomberg und mir als Stadtplanerin. Wir sind monatelang Wege abgefahren, haben Strecken bewertet und Geschichten recherchiert. Wir wollten nicht einfach Sehenswürdigkeiten aneinanderreihen, wir wollten wirklich interessante Stories erzählen. Außerdem soll es Spaß machen, die Strecke zu radeln – in Berlin nicht immer ein einfaches Unterfangen.

Wir haben uns gefragt, was wir selbst bräuchten, um uns für ein gänzlich neues Thema so sehr zu begeistern, dass wir uns für einen Tagesausflug aufs Rad schwingen. Die Antwort war schnell klar. Das Angebot muss konsequent aus Nutzersicht entwickelt werden: Die Routentitel müssen neugierig machen, und das Thema muss gut verständlich aufbereitet sein. Inhalte und Serviceinformationen müssen so präzise beschrieben sein, dass man nichts mehr zusätzlich recherchieren muss. Die Informationen über die Route müssen einfach verfügbar sein, so dass man spontan losradeln kann. Und die Wege sollen abwechslungsreich und schön sein.

All das bieten die Fahrradrouten der Berliner Industriekultur. Wie haben wir das geschafft? Wir haben die Radrouten nicht im stillen Kämmerlein entwickelt, sondern gemeinsam mit vielen Partnern: mit infraVelo, dem Berliner Senat, visitBerlin und weiteren Experten. Auch ganz normale Radfahrerinnen und Radfahrer waren eingebunden. Bei vielen Testfahrten haben verschiedene Experten und Menschen, die gerne Rad fahren, die Routen auf Herz und Nieren geprüft und uns wertvolles Feedback gegeben. Die insgesamt acht Fahrradrouten der Berliner Industriekultur sind also ein echtes Gemeinschaftsprojekt. Die Entwicklung hat uns allen viel Spaß gemacht. Und jetzt wünschen wir Ihnen: Viel Spaß beim Radeln!

Links & Downloads

Kontakt

Antje Boshold

Berliner Zentrum Industriekultur

Antje Boshold studierte Stadt- und Regionalplanung in Berlin und Oxford. Seitdem verbindet sie Stadtgeschichte mit Kulturtourismus – mit einem besonderen Fokus auf Baukultur als Motor für nachhaltigen Tourismus und regionale Entwicklung. Seit 2018 entwickelt sie für das Berliner Zentrum Industriekultur (bzi) Fahrradrouten, die Berlins industrielles Erbe erlebbar machen.

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